10. Juli 2001

Ich stehe früh auf und spare mir erstmal das Frühstück. Um 7:30 Uhr geht es heute schon los, auf den Weg von Winnipeg gen Westen. Ich nehme einen Bus bis zur Stadtgrenze und frische vorher noch meine Lebensmittelvorräte auf. Nach einer erwähnensunwerten Fahrt mit einigen echt coolen Typen werde ich von einem Steuerberater mitgenommen, der sich auf Farmer spezialisiert hat und mich außerdem zum Frühstück einlädt. Gut gestärkt stehe ich bald wieder am Highway und halte meinen Daumen raus. Direkt am Highway zu trampen ist hier zwar nicht verboten, aber auch nicht besonders Erfolg versprechend. Die meisten Autos rauschen einfach vorbei (wer hält schon bei Tempo 120), meine Hoffnung ruht auf den Autos, die hier auffahren. Nach einiger Zeit hält ein ehemaliger Farmer, der noch deutsch spricht. Seine Großeltern sind nach Kanada eingereist und nun ist er schätzungsweise bestimmt 80 Jahre hier und erzählt interessante Geschichten aus früheren Tagen voller harter Arbeit. Er nimmt mich mit bis Austin, wo wieder nicht allzu lang stehen muss. Dave, ein Gitarrenspieler in einer Jazzband, und Matt, Gitarrenbauer und Hobbyfarmer, sind auf dem Rückweg vom Montreal Jazz Festival und zwei amüsante Zeitgenossen. Dave setzt Matt in Regina ab und bringt mich noch bis Moose Jaw, wo es mittlerweile angefangen hat zu regnen, ein feiner, alles durchdringender Regen. Von Winnipeg bin ich jetzt bereits 655 km entfernt, kein schlechtes Ergebnis für einen späten Nachmittag.

Moose Jaw stellt sich als Falle für Tramper heraus. Die ländliche Gegend, das schlechte Wetter, der Auflauf von 3 anderen Trampern.... 4 Stunden stehe ich im Regen, spreche schließlich direkt Leute an einer Autobahnraststätte an, aber kein Erfolg. Die Leute in den vorüber fahrenden Autos starren mich nur an, wie ich da so im Regen stehe. Schließlich schlage ich mein Lager unter der Autobahnbrücke auf und bereite mir einen leckeren Gemüse-Hackfleisch-Reistopf zu. Die Nacht schlafe ich eigentlich recht gut für den Lärm, den die Trucks verursachen, bis schließlich in den Morgenstunden ein Truck genau unter der Brücke hält, die zwei Fahrer aussteigen und eine Pinkelpause einlegen. Am liebsten würde ich ihnen zurufen, doch gefälligst nicht in meinem Schlafzimmer zu urinieren, aber ich halte lieber meine Klappe und bleibe unentdeckt.

11. Juli 2001

Weitere 4 Stunden versuche ich schließlich eine Mitfahrgelegenheit zu finden, ohne Erfolg. So nehme ich meinen Rucksack und laufe die 5 Kilometer in die Stadt. Auch hier kein freundlicher Autofahrer. Als ich am Ortschild vorbeikomme platzt mir fast der Kragen, steht da doch ganz dreist, "Willkommen in Moose Jaw, der freundlichen Stadt". Danke, denke ich, und laufe weiter. Beim Greyhound-Terminal besorge ich mir ein Busticket und keine 10 Minuten später (ich musste den letzten Kilometer mit meinem 40kg-Rucksack joggen, nicht noch eine weitere Nacht in Moose Jaw bleiben zu müssen) fährt der Bus ab. Auch wenn ich nicht den ganzen Weg geschafft habe, so sind die knapp 5000 km Tramperei in 5 Tagen keine schlechte Sache. Dabei lernt man jedenfalls viel leichter und auch intensiver Land und Leute kennen, anstatt nur vorbeizufahren.

Ein Stunde später hat sich da Wetter wieder dramatisch gebessert. Die Landschaft ist jetzt wieder recht grün, aber immer noch flach.

Vereinzelte Ansiedlungen (Orte würde ich das nicht nennen) säumen den Highway, außerdem viele Getreide-Silos. Mit der zeit werden die Ansiedlungen immer kleiner und nach einer Rast ist da fast nichts mehr...

Und dann ist da gar nichts mehr.....

Man erzählt sich, dass, wenn hier ein Hund wegläuft, der Besitzer einfach am nächsten oder übernächsten Tag vor die Tür geht und ihn zurückruft ;-))

Mit meinen Mitfahrern PJ (aus Holland), Iff (aus Montreal, die mit ihrem Rad bis nach Moose Jaw radelte und jetzt eine Verschnaufpause bis zu den Rockies einlegt) und Steve (vielleicht 16 Jahre alt und auf dem Weg zu seinem Vater und seiner Schwester) quatsche ich fast die gesamte Fahrt über und so vergeht die Zeit wie im Flug. Als ich gegen 22:30 Uhr in Calgary ankomme laufe ich erstmal 1 Stunde zur falschen Adresse (ist ja schön und gut mit diesen Schachbrettstraßenmustern, aber manchmal hören die Straßen irgendwo auf und fangen irgendwo anders wieder an, aaarrrggghhh!). Schließlich nehme ich den Bus und habe prompt wieder Glück. Der Busfahrer ist richtig nett und fragt interessiert, wo ich herkomme und wo ich hin will. Er selbst ist aktives Mitglied eines Kickboxer-Teams und war letztes Jahr in Wiesbaden..;-)) Das Ticket bekomme ich mal wieder kostenlos, dann muss ich schon wieder umsteigen. Gegen 1 Uhr komme ich schließlich bei Dave und Kate (Freunde von Rob) an, die mich herzlich aufnehmen.

12. Juli 2001

Ich schlafe erstmal aus und frühstücke ausgiebig. Am frühen Nachmittag fahre ich mit der S-Bahn zum Stampede Park, das das weltgrößten Rodeo beherbergt. Neben einem gigantischen Rummel gibt es hier ein Indianerdorf, wo rituelle Tänze auf geführt bzw. sich im Wettkampf gemessen wird. Hier im Dorf treffe ich auch Iff wieder, die sich ebenfalls ins Getümmel gestürzt hat und etwas von der Atmosphäre mitbekommen möchte - die Welt ist doch klein.

Außerdem gibt es eine Agrarschau (Rinder, Schweine, Kleinvieh, Alpakas, Pferde, Reit- und Zuchtvorführungen) und natürlich das eigentliche Rodeo. Die gesamte Stadt ist im Stampedefieber: Schaufenster sind dekoriert, überall liegen Heuballen herum und laufen Cowboys, und Damen durch die Straßen und johlen und schreien.

Am Abend - nach einem leckeren Essen - komme ich müde zurück und lege mich direkt schlafen - Städte sind einfach anstrengend.

13. Juli 2001

Für heute ist nur ein Bummel durch Downtown angesagt, die Zeit geht mal wider schneller vorbei als einem bewusst ist. Als ich am frühen Abend wieder bei Kate und Dave einfalle sind auch Peter, Simon, Sabine und Vroni bereits eingetrudelt. Es gibt ein freudiges Wiedersehen und eine spontane Bier-BBQ-Autoumräum-Party im Vorgarten. Es gibt viel zu erzählen und so quatschen wir bis in die Nacht.

14. Juli 2001

Heute zeigen uns Dave und Kate einen Geheimtipp in Sachen gut und günstig frühstücken. In einem nahen (nur 20 km durch die Stadt) Irish Pub (dem "Kilkenny") hauen wir uns für $1.99 die Bäuche voll. Ansonsten steht heute die Stampede nochmals auf dem Plan, diesmal mit den anderen und mit Besuch des Rodeos, zu dem ich zwei Tage zuvor zu spät kam.

Das Rodeo glänzt mit verschiedenen Disziplinen, eine selbstmörderischer als die andere. Durch einen Zufall landen wir auf den besten Plätzen und sehen uns die Wettkämpfe im Barrel Racing (mit dem Pferd so schnell wie möglich um 3 Tonnen mit jeweiliger Umrundung der Tonne), Horse Riding (sich auf einem bockenden Pferd halten) und Bull Riding (sich auf einem noch tollwütigeren Bullen halten) an. Wir sind begeistert von der Stimmung, die hier herrscht.

Am Abend wird wieder gemütlich im Vorgarten gehockt, nur Peter und Vroni müssen ihren Krempel packen. Um 23 Uhr liefern wir Peter an der  Greyhound-Station ab, von wo er noch weiter gen Westen will. Vroni ist wenig später dran und fliegt am selben Abend nach Deutschland zurück. Bis wir Daniel abholen können bleiben uns knapp 20 Stunden und die Berge rufen. So fahren Simon, Sabine und ich noch in der Nacht gen Westen und schlagen ca. 40 km vor den Rockies unser Nachtlager an einem Feldrand auf.

15. Juli 2001

 

Gegen 5:30 Uhr stehen wir auf als gerade die Sonne die Berge in goldenes Morgenlicht taucht.

Etwa eine Stunde später sind wir in Waterton, um 9 Uhr geht unsere Fähre über den Waterton Lake im gleichnamigen National Park und bringt uns zum Ausgangspunkt für eine Wanderung, die uns als die schönste Kanadas empfohlen wurde. Mit diesen Superlativen muss man etwas aufpassen hier, nichtsdestoweniger ist es eine schöne Tour, abenteuerlich, aber etwas überlaufen (und ...na ja... sie verdient diesen Superlativ eigentlich nicht!).

Die meisten Bilder der Tour sind leider dem Transportmechanismus meiner Kamera zum Opfer gefallen, vielleicht später mal mehr.

Der Weg zieht sich 8 km durch eine atemberaubende Berglandschaft, mit Wasserfällen und Schulbuchobjekten für Studenten der Geologie. Fast zum Schluss geht es über die Baumgrenze und schließlich muss man durch einen Tunnel kraxeln, um auf der anderen Seite die letzten Meter zum Crypt Lake empor zu steigen. Ein Murmeltier sitzt frech auf dem Pfad und lässt sich auch zu Nahaufnahmen überreden, die aber wie gesagt...(grummel).

Am glasklaren See machen wir unsere Mittagspause und nach und nach trudeln die anderen Leute ein, die mit uns auf der Fähre waren. Als wir den Rückweg wieder antreten treffen immer noch Leute ein, die es nicht ganz so eilig hatten wie wir. Um 16 Uhr nehmen wir die Fähre zurück und schaffen es rechtzeitig zum Flughafen Calgary, wo wir Daniel abholen, der die nächsten 3 Wochen mit uns reisen wird. Der Abend klingt bei einem Bierchen gemütlich im Vorgarten bei Dave und Kate aus.

 

 

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