Nachdem die Studienarbeit endlich eingereicht, die meisten organisatorischen Dinge erledigt und die wenigen Habseligkeiten verkauft beziehungsweise gepackt sind, ist es Zeit für eine Abschiedsfete. So steigt in meiner WG eine nette Grillparty mit haufenweise Leuten, die ich zumeist nur noch eher selten werde.
Es wird ein schönes Fest, das sich bis weit in die Nacht erstreckt.
29. Juni 2001
Heute ist es endlich soweit, es geht auf große Reise. Mein Ziel ist es, per Anhalter nach Lynn Lake, Manitoba zu gelangen, wo ich Rob besuchen möchte, der dort für seinen Master in Geologie Proben sammelt.
Um fünf in der Frühe geht mein Wecker. Ich stehe auf und schaue mal vorsichtig nach, ob Christoph mich wirklich so früh zur Autobahn bringen kann. Die Nachricht, die er mir hinterlassen hat klingt eher nach 9 Uhr und so lege ich mich noch mal hin. Um 8 Uhr stehe ich dann schließlich auf, frühstücke kurz und wenig, die Aufregung lässt grüßen. Die vergangenen drei Monate waren hauptsächlich durch die Studienarbeit dominiert, jetzt nichts mehr arbeiten zu müssen ist erstmal ungewohnt. Ich wuchte meinen Rucksack, in den nicht mehr alles reinging, der aber schon über 35 kg wiegt, ins Auto und los geht's.
Wenig später stehe ich an der Auffahrt zur 401 und verabschiede mich von Christoph. Keine 10 Minuten später finde ich meine erste Mitfahrgelegenheit. Ich werde bis nach Hamilton mitgenommen, hier aber fädelt sich der Verkehr nach Osten auf einer Linksabbiegerspur ein, denkbar ungünstig zum Trampen. Aber nach ca. 20 Minuten werde von zwei Mädels angesprochen, ob ich nach Norden wolle. Klar, sage ich, auf der 400! So gelange ich schnell und unkompliziert über das 400/401-Autobahnkreuz und noch weiter bis Barrie. Nach nur 7 Stunden bin ich in Sudbury, wo mich Marten Engren, der zwar aus Sudbury ist aber für die Long Beach Ice Dogz in L.A. Eishockey spielt, absetzt.
Der nächste Fahrer nimmt mich nur ein Stück mit, um mich zu vernaschen, bleibt aber freundlich und lässt mich auch einfach wieder aussteigen ;-)) Als ich nach einigen weiteren Fahrten in Thessalon abgesetzt werde, geht gerade die Sonne unter. An einer nahen Bucht des Lake Superiors schlage ich mein Lager auf einem Felsen auf.
Nach einer leckeren warmen Suppe lege ich mich auch bald hin und lese noch ein wenig bevor ich vom Geräusch der gluckernden Wellen in den Schlaf gelullt werde.
30. Juni 2001
Der Morgen zeigt sich leicht bewölkt, in den frühen Morgenstunden hatte es bereist einige Tropfen geregnet. Nach dem Frühstück stelle ich mich direkt wieder an den Highway und halte den Daumen raus. Leider ist das hier eine eher ungünstige Stelle, in einer Kurve, keine richtige Haltemöglichkeit. In der Zwischenzeit hat sich der Himmel verdunkelt, ein immer näher kommendes Grollen kündigt nichts Gutes an. Doch dann hält endlich jemand. Ein Handwerker, der zur Hochzeit seines besten Freundes nach Sault St. Marie muss, wo er mich an einer Tankstelle absetzt. Das Gewitter mit Platzregen habe ich somit im Trockenen überstanden. Der nächste, der hält, ist Marc aus Montreal, der mit seinem roten Golf GTI auf dem Weg nach Regina ist, um dort in einer Sprachschule sein in der Tat miserables Englisch aufzupolieren. Er ist ein wenig in Eile, da er zu spät losgekommen ist. Da kommt es ihm gerade recht, dass er sich mit mir beim Fahren abwechseln und dabei gleich ein wenig Englisch sprechen kann. Wir fahren den gesamten Tag und die halbe Nacht, bis wir schließlich in Winniepeg ankommen. Dort schlafen wir einige Stunden bevor er mich am Highway 6 absetzt und sich verabschiedet.
1. Juli 2001
Es ist noch sehr früh am Morgen und es bahnt sich bereits ein wundervoller Tag an. Der Himmel ist blau, die Gegend recht grün und flach. Ich meine absolut flach! Von hier aus sind es nur noch 768 km bis Thompson (und ca. 1070 km bis Lynn Lake). Die ersten 15 km nimmt mich ein Hobby-Fußballer afrikanischer Abstammung auf seinem Weg zum sonntäglichen Golfen mit. Er bietet mir an, mich an einer belebten Tankstelle abzusetzen und wenig später stehe ich davor. Der Verkehr tendiert hier etwa gegen null, vor allem um diese Zeit. Dazu ist die Tankstelle heute geschlossen. Nach dreißig Minuten sind gerade 5 Auto vorbeigefahren und so entschließe ich mich, erstmal zu frühstücken.
Die Zeitungsfrau, die eigentlich die Tankstelle beliefert, reicht stattdessen mir die Zeitung und so gibt's ein nettes Frühstück in der Sonne. Etwa eine Stunde später rauscht ein Auto vorbei, das aber nach 2 Minuten wieder zurückkommt. Er wollte sich den Anhalter erstmal ansehen, meint der Fahrer schmunzelnd. Wir fahren die nächsten 1,5 Stunden nach Norden und unterhalten uns prächtig. L. Boyd Sweetser heißt der Mensch und arbeitet für Agriculture Canada. Er setzt mich schließlich an einer weiteren Tankstelle in der Nähe von Mulvihill ab, mitten in der Pampa !
Ich lege hier meine Mittagspause ein, man weiß ja nie, wann man mal wieder an einer Quelle für Lebensmittel (und sei es nur ein fettiger Burger) vorbeikommt. Anschließend stehe ich über drei Stunden in der prallen Mittagssonne. Es mangelt nicht an vorbeifahrenden Autos, aber alle glotzen mich nur an, als sei ich von einem anderen Stern. Schließlich erbarmt sich ein Fahrer, der schon mal in einer ähnlichen Situation war. Mit ihm lege ich fast die gesamte Strecke bis Thompson zurück und lasse mich in der Nähe von Wabowden absetzen.
Auf den dazwischen liegenden 550 km ändert sich die Landschaft fast nicht, allenfalls gibt es manchmal eine Stromleitung, die parallel zum Highway verläuft. In der Mitte der Strecke gibt es eine Tankstelle, sonst nichts!
Als ich dann wieder auf dem Highway stehe und meinen Daumen raushalte, beginnt es bereits zu dämmern. Nicht mir, aber dem Tag ;-)) Höchste Zeit endlich nach Thompson zu gelangen. Ich bleibe ständig in Bewegung und laufe an der Straße auf und ab, immer auf der Flucht vor den Black Flies. Ich habe Glück und werde auch noch die verbleibenden 100 km mitgenommen, gegen halb 10 werde ich von der Tankstelle in Thompson von Neill, dem technischen Leiter des Base Camp Thompsons abgeholt und bei Rob's Boss, Chris, einquartiert. Mit ihm und seinem Mitbewohner Karl stehe ich dann am Abend auch auf dem Balkon und schaue mir das Feuerwerk zum Kanada-Tag an.
2. Juli 2001
Den Morgen verbringe ich mich Karl, der mich zum Frühstück in sein Lieblings-Roadside-Restaurant mitnimmt und mir anschließend ein wenig Thompson und Umgebung inklusive eines Workshops für Birkenrindenkaunus und dem Mining Museum zeigt. Am Abend kommen Rob und Bruno aus Lynn Lake und zusammen gehen wir erstmal ein paar kühle Bierchen trinken und Pizza essen.
3. Juli 2001
Am nächsten Morgen bringen Rob und ich Bruno zum Flughafen und machen uns dann auf den Weg nach Lynn Lake. Von Thompson aus sind es etwa noch 300 km durch die Pampa, von denen ca. 100 km nur über Schotterpisten führen.
Auf dem Weg geht es vorbei an großen (ehemaligen) Waldflächen, die vor nur wenigen Wochen von einem gigantischen Waldbrand vernichtet wurde, aber das interessiert hier kaum jemanden. Vermutlich, weil es einfach genug Wald gibt.
Als wir Lynn Lake erreichen, werden wir im nachhinein darüber informiert, welche Gefahren hier auf uns lauerten:
Bei einer Fahrt durch den Ort, der vor wenigen Jahren noch Heimat für ca. 5000 Leute war, seit der Schließung der drei lokalen Minen aber von ca. 80% seiner Einwohner verlassen wurde, überkommt mich ein komisches Gefühl. Wir befinden uns in einer Geisterstadt mit verlassenen, verfallenden Häusern. Nur vereinzelt (man kann es gut am Zustand des Vorgartens erkennen) sind die Häuser noch bewohnt, ansonsten eher verbarrikadiert. Für schlappe $5000 kann man hier ein Heim erstehen, voll möbliert, inklusiver Grundstück. Kurz hinter Lynn Lake endet übrigens die Schotterpiste, dann kommt nichts außer Wald und Wildnis.
Rob gibt mir erstmal eine Führung durch die umliegenden Minengelände, bevor wir es uns im Haus der Arbeitsgruppe bei einem BBQ und einigen Bierchen gemütlich machen.
4. Juli 2001
Am Morgen packen wir einigen Proviant ein und beladen den Pickup mit einem Schlauchboot, einem Außenborder und Angelausrüstung. Dann düsen wir zum Cartwright Lake, einem netten kleinen See, der etwas abseits des Highways liegt.
Hier laden wir aus und bauen das Boot auf. Wenig später geht's mit Schwung auf den See, an dessen südlichem Ende wir unser Lager aufschlagen und dann mit einer Angel bewaffnet wieder aufbrechen.
Rob will mir nur kurz zeigen, wie man die Angel auswirft und fängt prompt einen gigantischen Hecht. So einfach ist da also, na, das kann ich auch. Und tatsächlich, wir fangen Hecht noch und nöcher, keiner kleiner als 50 cm.
Wir lassen die Hechte immer wieder frei, weil wir mehr auf Pickerel aus sind, die geschmacklich mehr hermachen sollen. Einer der Hecht zappelt wie wild und reißt uns schließlich die Leine inklusive Stahlendstück und Blinker ab. Warte, rufe ich Rob zu, den fangen wir bestimmt wieder. Und - wer hätte es geglaubt - nach einer halben Stunde zappelt er wieder am Haken. Aber, um die Sache noch unglaublicher zu machen: Der hecht hatte nicht wieder zugebissen, sondern unser jetziger Haken hatte sich nur im 1,5 mm großen Ring des alten Blinkers verfangen.
Der See ist so fischreich, dass ich zeitweise die Angel viermal auswerfe und jedes Mal einen Fisch an der Leine habe. Am Abend haben wir dann zwei der weitaus selteneren Pickerel und jede Menge Appetit.
Als der Mond gerade aufgeht entzünden wir ein Lagerfeuer und bereiten Fisch mit Speck zu. Dazu gibt es Folienkartoffeln und Karotten. Wir quatschen noch bis spät in die Nacht, wärmen uns am Feuer...
5. Juli 2001
Zum Frühstück gibt es Eier und Speck, dann Pfannkuchen mit braunem Zucker. Den halben Vormittag gammeln wir noch herum und machen uns dann wieder auf den Rückweg. Leider hatte der Propeller des 25PS-Außenborders bereits auf dem Herweg Schaden genommen, als wir über einen Felsen gerauscht sind und so geht es jetzt eher mäßig schnell voran. Um den kräftigen Rückenwind auszunutzen spannen wir ein Tarp auf und benutzen den Motor nur noch zum Steuern.
Nachdem wir das Boot versorgt haben und wieder zurück in Lynn Lake sind machen wir uns noch einen gemütlichen Videoabend.
6. Juli 2001
Für heute ist ein Ausflug zur BT-Mine angesagt. Damit wir uns ein wenig vor Ort umsehen können (und natürlich nur so zum Spaß) nehmen wir die Quads, kleine allradgetriebene Vierräder, mit.
Es macht einen Riesenspaß, mit den Quads durch die Gegend zu düsen und so fahren wir über Stock und Stein, durch Sümpfe und über Schotter....
Auf einem Aussichtspunkt machen wir eine kurze Rast und fahren dann zurück. Wir haben einige Probleme, die Quads durch die riesigen Schlammlöcher zu bewegen und müssen zeitweise die Fahrzeuge mit den vorn angebrachten Seilwinden wieder aus dem Schlamm ziehen. Schließlich hilft nur noch, mit viel Schwung und bei Vollgas die Löcher zu meistern, was den Spaßfaktor natürlich nochmals erhöht ;-))
Als wir etwa 4 Stunden später wieder zum Truck zurückkommen, sind wir ziemlich fertig. Man mag sich darüber streiten, in wie weit dieser Spaß ökologisch vertretbar ist und wie nervig es ist, das Geröhre der Motoren zu hören, aber eines ist sicher. Wir hatte eine Menge Spaß und werden irgendwann sicher noch mal darauf zurückkommen.
Am Abend gibt's wieder mal ein leckeres BBQ und einen Video, sehr entspannend ;-))
7. Juli 2001
Heute statten wir der Fox Mine einen Besuch ab. Als diese Mine geschlossen wurde, hatte man versäumt große unterirdische Aushöhlungen wieder aufzufüllen. Diese Höhle füllten sich langsam mit Wasser. Als das Gestein über den Aushöhlungen schließlich nachgab wurde das angesammelte Wasser durch die alten Belüftungsrohre hinausgepresst. Tonnenschwere Betonplatten, mit den die Luftein- und -auslässe abdeckt waren, flogen hundert Meter durch die Luft, die Ausschwemmung brachten tonnenweise giftiges Material zutage. Heute sieht die Gegend recht trostlos aus, vergleichbar mit einer Mondlandschaft. Man sollte sich nicht zu lange dort aufhalten und seine Schuhe vom gelb-roten Sand befreien, bevor man wieder ins Auto steigt.
8. Juli 2001
Wir lassen den Tag ruhig angehen und frühstücken ausgiebig. Zu Mittagszeit bringt mich Rob zum Ortsausgang, von wo aus ich wieder zurück nach Winniepeg trampen möchte.
Nachdem wir uns verabschiedet haben stehe ich zwei Stunden, bevor ich mitgenommen werde. Ein Mitarbeiter einer Holzfällerfirma, indianischer Abstammung, nimmt mich den ganzen Weg mit nach Thompson. Unterwegs halten wir zweimal, um mit Kollegen und Stammesangehörigen (ein Chief) zu quatschen. Er mehr als ich, aber interessant ist es doch...
Den Abend verbringe ich Thompson und übernachte nochmals bei Karl.
9. Juli 2001
Um 4:30 Uhr stehe ich auf, um mit Karl nochmals im Roadside zu frühstücken. Das Frühstück ist wirklich sehr lecker, aber wenig später muss ich mich in den Regen stellen, den Daumen wieder mal raushalten. Die erste Tour, die mich wieder nach Wabowden führt, mache ich mit einem Mitarbeiter einer weiteren Holzfällerfirma. Er ist schon weit rumgekommen und hat so manche Geschichte zu erzählen. In Wabowden, bzw. am Abzweig zu der im Hinterland gelegenen Siedlung, stehe ich eine gute Stunde, bis Kevin, ein Straßenarbeiter, mit seinem LKW anhält. Er setzt mich in Ponton ab, einer Highwayverzweigung im Nichts.
Wenig später nimmt mich eine Jugendgruppe in ihrem Van mit, die sich auf dem Rückweg zum Flughafen in Winniepeg befinden. Ich verbringe den ganzen Tag mit ihnen und die Verabschiedung fällt erstaunlich herzlich aus, so als würde man sich schon lange kennen. Einer aus der Gruppe fährt mich sogar noch zum Güterbahnhof, wo ich versuche eine Mitfahrgelegenheit auf einem der Züge nach Calgary zu bekommen.
Dummerweise erwischt mich die Bahnpolizei und wirft mich prompt (sehr freundlich) raus. Also werde ich in Winniepeg übernachten und habe damit auch Zeit, mich ein wenig in der Stadt umzuschauen. Mit dem Bus komme ich kostenlos (netter Busfahrer, der sich für meine Geschichte interessiert) zur Jugendherberge. Den Abend verbringe ich am Red River in einem Straßenrestaurant mit Live-Jazz.