15. September 2001

Am frühen Abend können Simon, Peter und ich nach einer Stunde Wartezeit in Tsawassen die Fähre nach Vancouver Island befahren. Wenig später geht's bereits los.

In der schönsten Abendstimmung kurvt die Fähre zwischen kleineren Inseln hindurch und nach 95 Minuten legen wir in Swartz Bay an. Es dunkelt bereits als wir die Fähre verlassen und uns kurzerhand im nahen McDonald Provincial Park einen Campingplatz besorgen. Wir räumen den Van nochmals auf, sortieren ein wenig und versuchen, etwas mehr Platz zu schaffen. Es ist schon dunkel als wir schließlich noch ein Süppchen kochen, bald darauf legen wir uns schon aufs Ohr.

16. September 2001

Am frühen Morgen düsen wir nach Victoria, der Hauptstadt Bristish Columbias. Nachdem wir unsere E-Mails in der Bibliothek der Uni gelesen haben geht es nach Downtown, wo wir ein wenig durch die Straßen schlendern. Die Stadt hat britisches Flair, mal was neues nach all den typisch kanadischen Städten zuvor ;-))

Zur Mittagszeit gehen wir in Chinatown lecker essen und bummeln anschließend noch über den kleinen Kunsthandwerksmarkt. Dann laufen wir weiter Richtung Hafen.

Es gefällt uns ganz gut hier, nur leider gilt das auch für die anderen 150.000 Leute, die hier herumwuseln. Bald reicht es uns, wir sind einfach nicht mehr so viele Menschen gewöhnt. Von Victoria fahren wir weiter gen Westen und folgen dann dem Highway # 1 nach Norden.

Der Highway folgt jetzt dem Küstenverlauf und so erhaschen wir immer wieder einen Blick auf die Meerenge zwischen Insel und Festland. Schließlich halten wir an einem kleinen Provincial Park, wo wir unser Lager aufschlagen.

17. September 2001

Nach einem kurzen Frühstück machen wir uns wieder auf den Weg. Wir fahren abseits des Highways und gelangen so von Fischerdorf zu Fischerdorf.

Wir halten einfach mal dort, wo es uns gefällt. In einem Ort finden wir einen Workshop, in dem alte Ruderboote und Kanus (vornehmlich aus Holz) restauriert und im angeschlossenen Museum ausgestellt werden. Weiter geht die Fahrt nach Nanaimo, wo wir für die kommenden Tage einkaufen. Von hier aus geht es wieder westwärts. Die Straße führt uns durch dichten Regenwald, vorbei an einzigartigen Baumriesen.

An einem Flussbett halten wir kurz, um ein wenig die Gegend zu erkunden und weil wir mal eine Pause vom Fahren machen möchten. Als wir weiterfahren sehen wir plötzlich vor uns einen Wagen am Straßenrand halten und wir wissen, was das bedeutet: irgendein wildes Tier wird da wohl umherstreunen. Als wir näher kommen sehen wir einen Schwarzbären, der in wenigen Metern Entfernung gemächlich im Straßengraben steht und Gras frisst. Wir kreuzen die gesamte Insel, die immerhin fast so groß ist wie die Schweiz, und gelangen nach Ucluelet, einem Fischerdorf, das sich dem Tourismus geöffnet hat.

Wir steigen aus und laufen einen neu angelegten Wanderpfad. In einigen Jahren soll sich dieser - ähnlich dem West Coast und dem Juan de Fuca Trail - über mehrere Kilometer entlang der Küste führen. Das Wetter ist mal wieder den gesamten Tag unentschieden gewesen und auch jetzt ist es bedeckt. So hält uns hier nichts mehr und wir fahren weiter gen Norden, wo wir im Pacific Rim National Park am Long Beach unser Lager auf dem parkeigenen Campingplatz aufstellen. Gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang stehen wir am Strand und können ein fantastisches Schauspiel erleben. Nun hat sich die Sonne heute doch noch mal blicken lassen und wir sind wieder sehr guter Laune ;-))

Der Lagerplatz gibt uns schon mal einen Vorgeschmack auf den Regenwald, den wir in den nächsten Tagen noch ausführlicher zu Gesicht bekommen werden.

Spät am Abend - es ist schon länger dunkel sind wir mit Kochen und Essen fertig und legen uns in unsere Schlafsäcke.

18. September 2001

Nach einem kurzen Ausflug in das leider wenig pittoreske Tofino, dem Endpunkt des Trans-Canada-Highways, fahren wir wieder zurück.

Wir machen noch mehrmals Halt und laufen bis zum Strand, jedes mal gibt es etwas neues zu entdecken.

Besonders der Regenwald ist sehr faszinierend. Dabei ist dieser sehr dicht und scheint völlig undurchdringlich. Am Mittag fahren wir zurück nach Nanaimo, wo wir Sabine abholen, die mittlerweile wieder aus Ontario eingeflogen ist. Bis zum Abend folgen wir einer Schotterpiste am Shawnigan Lake vorbei nach Port Renfrew, dem südlichen Startpunkt für Wanderer des West Coast Trails. Auf dem zugehörigen Campingplatz schlagen wir bei Anbruch der Dunkelheit unser Lager auf.

Nach dem Essen verschwinden wir alsbald in unseren Schlafsäcken und lassen uns von den Wellen in den Schlafen lullen.

19. September 2001

Wir stellen im Ort unseren Van unter und werden im Anschluss im kleinen Registrierungsbüros des Parks per Video eingewiesen und erhalten eine topographische Karte und eine Gezeitentabelle.

Um 10:30 Uhr werden wir mit einem kleinen Motorboot über einen hier mündenden Fluss übergesetzt und am Startpunkt des insgesamt 75 km langen West Coast Trails abgesetzt. Der Trail ist bekannt für seine Schönheit, aber auch durch seine Härte, insbesondere bei Regenwetter, das in einem Regenwald natürlich desöfteren vorherrscht. Bereits auf den ersten Metern erfahren wir, was uns zumindest schlammtechnisch erwartet ;-)) Dabei ist der Pfad recht gut ausgebaut.

Insgesamt 107 Bauwerken, die z.B. Leiterkaskaden, Brücken - sowohl starre als auch Hängebrücken und Baumstämme, die entsprechend gelegt wurden -, Rampen und Seilgondeln umfassen, machen den Weg überhaupt gangbar. Dazwischen regieren Schlammlöcher und glitschige Baumstämme, Wurzeln und Pfützen. Der erste Tag ist dabei eine Einstimmung auf die Schwierigkeiten, die uns in den nächsten 5 Tagen erwarten.

Heute laufen wir nur 5 km (3 Stunden!), die uns an letzten Relikten eines Versuchs der Wegbereitung und wirtschaftlichen Nutzung des Gebietes - einem sog. Donkey (dampfbetriebene Seilwinde zum Transport von Baumriesen) - vorbeiführen. Ein Straße, die vor allem von der nördlichen Seite her entlang der Küste führen und Schiffsbrüchigen die Rettung ermöglichen sollte wurde nie fertig gestellt. Zu rau war das Terrain und unüberwindlich die Schwierigkeiten.

Über unzählige Treppen gelangen wir schließlich hinab zum Strand, zur Thrasher Cove. Obwohl wir unsere Plätze für einen der letztmöglichen Termin gebucht haben treffen wir hier auf bestimmt 25 Leute, die ebenfalls hier übernachten werden. Die meisten sind allerdings in umgekehrter Richtung unterwegs. Wir schlagen unsere Zelte auf dem schmalen Strandstreifen auf, umgeben von Mengen an Treibholz. Jetzt bin ich froh, sowohl Beil als auch Säge mit dabei zu haben, zumal nur Treibholz zum Feuermachen verwendet werden darf. So genießen wir den Nachmittag in der Sonne und als es Abend wird kochen wir uns etwas leckeres zu essen und sitzen gemütlich um ein Feuer aus aromatischen Zedernholz ;-))

Heute geht es dann aber auch gleich früh in die Schlafsäcke, morgen heißt es schließlich früh aufstehen.!

20. September 2001

Gegen 6 Uhr stehen wir auf genießen ein schnelles Frühstück. Rasch sind Zelt und sonstige Ausrüstung gepackt und wir laufen los.

Die ersten Kilometer des heutigen Tages legen wir am Strand zurück. Das klingt zunächst einfach, ist aber mindestens genauso anstrengend wie durch den Regenwald. Zum einem müssen wir auf die Gezeiten achten (deshalb sind wir auch so früh schon unterwegs), zum anderen heißt es für uns, über riesige Felsklötze und gigantische Baumstämme zu kraxeln, die nicht nur glatt sondern auch noch nass und glitschig sind.

Es ist bewölkt und später fängt es auch noch an zu regnen. Dafür ist dieser Abschnitt besondern schön. Wir umrunden Owens Point und kommen zu einer großen Felsauswaschung. Die Formationen sind wirklich beeindruckend.

Als wir weiterwandern, hören und sehen dann auch die Seehunde, die sich wenige Meter auf das Meer hinaus auf vorgelagerten Felsen tummeln. Auf der folgenden Strecke sehen wir unzählige kleine Felspools, die vor Leben nur so strotzen. Die Farben und Motive sind atemberaubend, dazu das Donnern der Brandung an die Felsplatte, die den Strand darstellt.

Besonders häufig gibt es hier violette Seeigel und grünlich fluoreszierende Seeanemonen. Ab und zu finden wir auch Seesterne, die durch ihre Variation in Farbe und Form begeistern. Wir laufen gerade an einer Felszunge vorbei, die einige Meter ins Meer hineinragt, als ganz nah, keine 20 Meter entfernt, ein Wal in der kleinen Bucht auftaucht und abbläst. Er scheint hier zu grasen und lässt sich nur kurz blicken, bevor er wieder abtaucht. Dennoch, wir sind total begeistert, zumal niemand tatsächlich damit gerechnet hatte.

Noch allerlei andere Meeresbewohner sehen wir heute, zum Beispiel eine Unterwasserschnecke, die bestimmt 10 cm groß ist. Wir folgen dem Wal, der langsam nordwärts schwimmt. Als wir schließlich dem Trail wieder in den Regenwald folgen bläst er noch ein letztes mal, zum Abschied. Wir merken schnell, dass wir wieder im Regenwald sind, die Schlammlöcher des Vortages haben sich nun mit Regenwasser gefüllt und lassen die Wanderung zu einer Schlammschlacht werden.

Über 9 Kilometer kraxeln wir über Baumstämme und Wurzeln. Zur Abwechslung kommen wir heute zu unserer ersten Gondelfahrt. An insgesamt fünf Flüssen sind diese sog. cable cars installiert, mit denen jeweils 2 Personen sich über das Wasser manövrieren können.

Am frühen Nachmittag gelangen wir nach 12 km zu unserem nächsten Nachtlagerplatz, der Cullite Cove. Wir stellen unsere Zelte in dieser wunderschönen, felsumrandeten Bucht auf und gehen erstmal im kalten Wasser des hier mündenden Flusses baden.

Wenig später kommen zwei weitere Deutsche, die sich zu uns ans Lagerfeuer gesellen. Wir kommen mit Sigi und Ernst, der ein wenig von seiner ersten Bewanderung des West Coast Trails vor zwei Jahren erzählt, ins Gespräch und kommen erst spät in die Schlafsäcke.

21. September 2001

Am Morgen fängt es an zu nieseln, was den gesamten Tag anhalten wird. Wir wandern weiter nordwärts, nachdem wir uns mit einem weiteren cable car über den nahen Cullite Creek befördert haben.  Nach zwei Kilometern Matschschlacht im Regenwald erwartet uns am Logan Creek die große Hängebrücke des Trails.

Am Nordende der Brücke stößt man auf eine Felswand, die nur durch eine Leiter erklommen werden kann. Nachdem wir uns mit unseren schweren Rucksäcken dort hinaufgequält haben warten weitere 3 km Pfützenspringen und eine Gondelfahrt auf uns, bevor wir wieder zum Strand hinunter kommen. Als wir zum Meer hinunter laufen müssen wir erkennen, dass wir uns wohl für die Mittagspause am Walbran Creek cable car ein wenig zu viel Zeit gelassen haben und mittlerweile von der Flut eingeholt wurden. So müssen wir zwei weitere Kilometer im Regenwald zurücklegen. Auf einer als Tritt im Schlamm liegende Holzscheibe rutscht Simon und auch seine Kniescheibe aus. Unter Schmerzen kann er zum Glück weiterlaufen. Als wir wiederum zum Strand kommen müssen wir noch zwei Stunden warten, um bei Ebbe weiterlaufen zu können.

Als wir am frühen Abend nach 10 km nach Bonila Point kommen schlagen wir zusammen mit Ernst und Sigi, die wir unterwegs wieder getroffen haben, unsere Zelte auf. Sigi hat als Arzt eine sehr gut ausgestattete Erste Hilfe-Tasche dabei und kann Simon entsprechend verarzten. Nach einem kalten Bad und heißen Essen sitzen wir mal wieder ums Lagerfeuer. Das Nieselwetter lässt uns allerdings bald in die Zelte verschwinden.

22. September 2001

Wir brechen heute alle zusammen auf und marschieren weiter. Simon geht es schon viel besser, dennoch überlegt er, an den Nitinat Narrows (etwa in der Mitte der Gesamtstrecke) auszusteigen.

Noch bevor wir zum Carmanah Point mit seinem markanten, weißen Leuchtturm gelangen holt uns die Zivilisation ein.  Am Strand, mitten in der Pampa, steht das Kuriosum des Trails, eine Imbissbude. Zu essen können wir uns nichts leisten (auch wenn die Preise erstaunlich moderat sind), aber Ernst spendiert uns eine Coke, die wir im plötzlich aufkommenden Sonnenschein genießen. Wir machen etwas weiter noch zusammen Mittagspause, dann ziehen Sabine, Peter, Simon und ich alleine weiter - heute würden wir gerne noch die Nitinat Narrows hinter uns lassen. Wir laufen weiter am Strand entlang und lassen die fantastischen Stimmungen auf uns wirken.

Als es wieder etwas mehr ins in die Wälder geht werden wir durch einige Schilder darauf hingewiesen, dass wir jetzt Land der hier ansässigen Indianer betreten. Diese übernehmen auch den Fährservice, der zweimal auf dem Trail nötig ist, wie z.B. hier über den Nitinat Creek. Nach der Überquerung führt der Trail meist gut 20 Meter über dem Strand entlang einer Steilküste. Immer wieder erhaschen wir einen Blick auf einen kristallklaren Bach oder eine wunderschöne Bucht unter uns. Die erste Bucht, zu der wir hinabsteigen können, nehmen wir in Beschlag und stellen unsere Zelte auf. In den warmen Sonnenstrahlen des frühen Abends nehmen wir ein dringend nötiges Bad und spannen erstmal aus. Nicht nur, dass der Platz (bei Kilometer 31) an sich bereits wunderschön ist, wir werden auch noch mit einem sagenhaften Sonnenuntergang verwöhnt.

Wir essen lecker und sitzen dann noch eine gute Zeit am duftenden Zedernholzfeuer. Heute haben wir 17 km zurückgelegt und entsprechend müde fallen wir heute in die Schlafsäcke.

23. September 2001

Als wir am Morgen aufwachen ist alles nebelverhangen. Der Trail verläuft nun abwechselnd im Wald (mit viel Matsch) oder am Strand (Sand, auf dem es sich ebenfalls recht schwer läuft).

An den kleinen aber sehr schönen Tsuslat Falls machen wir eine kurze Verschnaufpause. Der Nebel hat sich inzwischen gelichtet und die Sonne verwöhnt mal wieder.

Um die Ebbe gut auszunutzen machen wir erst wenige Kilometer vor unserem letzten Lagerplatz Halt. Bis zum Abend marschieren wir weiter und angesichts dessen, dass der Trail weitaus weniger schwierig ist als noch am ersten Tag, sind alle in Toplaune.

Am Abend gelangen wir nach 19 Tageskilometern zu unserem Campingplatz. Von hier aus sind es gerade mal noch 12 km bis zum nördlichen Endpunkt des West Coast Trails. Wir entspannen uns bei einem Bad im nahen Fluss und sitzen zum Essen mal wieder gemütlich ums wärmende Feuer.

24. September 2001

Wir stehen gegen 7 Uhr auf, frühstücken kurz und machen uns dann an die verbleibenden 12 Kilometer. Die Strecke durch den Wald ist noch mal überraschend matschig und nebelig, aber gegen 12:30 Uhr haben wir es geschafft.

Nach einer warmen Suppe nehme ich ein Shuttletaxi, das mich über Holzfällerstraßen in 3 Stunden nach Port Renfrew zurückbringt. Auf der Strecke wird einem aber schnell klar, wie wenig ein Wald hier Wert ist. Auch wenn an der Küste selbst keine Bäume geschlagen werden dürfen, etwas weiter im Landesinneren wird immer noch durch Kahlschlag gerodet.

In Port Renfrew löse ich den Wagen aus und brauche dann geschlagene 4 Stunden, um den Rückweg zu bestreiten. Solange es noch hell war konnte ich meinen Weg zurückverfolgen, aber schließlich komme ich zu einer Weggabelung völlig ohne Beschilderung. Nachdem ich beide Möglichkeiten angetestet habe mich aber für keine richtig entscheiden kann, folge ich meinem GPS. Über winzige Waldwege, die meist etwas weniger breit als der Van und dazu nur für Geländefahrzeuge gedacht sind, gelange ich schließlich im Dunkeln nach Bamfield, wo ich die anderen wieder treffe. Nach einer warmen Mahlzeit verziehen wir uns in die Zelte und hauen uns aufs Ohr. Damit geht für uns ein besonders schöner Teil unserer Tour zu Ende. Wir haben die vergangenen Tage sehr genossen und wünschen uns, irgendwann ein zweites mal hierher kommen zu können.

 

 

Home - Alte HomepageHome - www.thomas-prade.de