Sabine und ich starten um ca. 1:00 Uhr früh von Waterloo aus mit unserem Chrysler LeBaron gen Sudbury. Die Straßen sind mal wieder leergefegt. Der Tacho unseres Wagens zeigt 10 % zu wenig an, eine Beruhigung fürs Gewissen, aber man merkt, dass man schneller ist, weil man selbst die Trucks überholt, die sonst immer an einem vorbeiziehen, obwohl man schon 20 km/h zu schnell fährt. Wie auch immer, ein Kaffee von Tim Horton's wirkt manchmal Wunder und als Sabine wieder aufwacht sind wir nur noch 50 km von Sudbury entfernt. Wir erreichen die Stadt mal wieder in den sehr frühen Morgenstunden, etwa gegen halb sechs, nur viereinhalb Stunden, ein neuer Rekord. In Robs Apartment frühstücken wir erstmal die mitgebrachten Müslibuns, dann fahren Vroni, Rob, Sabine und ich los. Die 100 km bis zum Park Office am George Lake verfliegen nur so, einzig ein Zug kreuzt unvermittelt unseren Weg. Im ersten Moment dachte ich eine Herde Rinder würde die Straße kreuzen, aber dann warnen mich die roten Blinklichter vor den kreuzenden Schienen.
Um halb acht, etwa 100 Meter vor dem Park Office beginnt es zu regnen. Doch wir haben Glück, der Park Officer öffnet das Registration Office fünf Minuten nach unserer Ankunft. Er schaut uns etwas verwirrt an, als wir im erzählen, dass wir den 100 Kilometer langen Trail in nur 3 Tagen bewältigen wollen. Er erzählt uns, dass er sich erinnern kann, dass schon andere das mal gemacht haben, es scheint aber nicht die Norm zu sein.
Wir buchen unsere Campsites so, dass wir für den ersten Tag ca. 33 km planen, für den zweiten, schwierigsten Teil ca. 27 km und den dritten Tag die restlichen 40 km veranschlagen. Wir parken den Wagen und dann - es regnet noch immer - legen wir erstmal Regenkleidung an und schultern unsere Rucksäcke. Wir haben versucht das Gewicht auf ein Minimum zu reduzieren, aber sie sind immer noch reichlich schwer.
Wir beginnen den Trail auf der Ostseite des George Lake Campgrounds, wo wir sofort mit steilen und aufgrund der Nässe ziemlich rutschigen Felsen konfrontiert werden. Der Trail ist größtenteils mit Laub bedeckt, was einerseits herrlich anzuschauen ist, andererseits sich aber als durchaus gefährlich herausstellt, da es Schlammlöcher und rutschige Felsen verdeckt. Das nasse Laub an sich trägt ein Übriges zur Ausrutschgefahr bei. Dennoch - der Trail verläuft durch ein sagenhaftes Mischmasch aus Felsen, Seen, Laub, verfärbten Wäldern und leichtem Nebel. Die Laune ist kaum getrübt durch den Regen und häufige Pausen mit kleinem Snack vermögen einen aufzumuntern. Mittlerweile sind wir vollkommen durchnässt, die Regenhosen leiten das Wasser direkt auf die von Schlammlöchern sowieso schon getränkten Wanderschuhe.
Nachdem wir den George Lake hinter uns gelassen haben verläuft der Trail entlang einer Portage, an deren Ende wir über einen Damm aus modrigen Baumstämmen balancieren müssen. Der Weg wird jetzt deutlich steiler, passiert Kidney Lake und verläuft anschließend auf nacktem Fels, der Verlauf durch kleine Steintürmchen markiert.
Es geht mittlerweile steil bergauf, schließlich artet es in eine Kraxeltour aus. Auf halber Höhe passieren wir eine kleine Naturhöhle, die den Feuerspuren nach zu urteilen schon des Öfteren als eine Unterkunft benutzt wurde. Nachdem wir eine gewisse Höhe erreicht haben und weitere 1,5 km auf dieser bleiben geht es wieder steil hinab zum Little Superior Lake. Beim Hinuntersteigen ahnen wir es, auch der anderen Seite des Tals geht es sofort wieder auf eine ähnlich hohe Erhebung. Wir passieren Proulx Lake und Shingwak Lake, dann bemerken wir dass es irgendwann zwischendurch aufgehört hat zu regnen, aber alles ist immer noch durchnässt und damit deutlich schwerer als sonst.
Auf der folgenden Portage verpassen wir den Abzweig auf den Trail und gelangen so zum Kakakise Lake.
Ein netter Ausblick aber wir müssen einen knappen Kilometer zurücklaufen, das schlaucht. Wir kommen immer mühsamer voran, wir sehnen uns danach, endlich den Campingplatz zu erreichen. Schließlich ist es soweit. Wir erreichen die an einem See gelegene Campsite um ca. 18:00 Uhr, gerade noch genug Zeit, um Feuerholz zu sammeln, die Zelte aufzustellen und ein Bad im See zu nehmen.
Wir trocknen unsere Sachen am Feuer, doch ich meine es etwas zu gut mit meinen Socken und röste sie etwas zuviel. Auch meine Wanderschuhe bekommen etwas ab, na ja, dafür sind sie wirklich trocken. Die Stimmung steigt deutlich, als wir alle ums Feuer sitzen, heiße Schokolade trinken und Nudeln mit Käsesoße vertilgen. Zu diesem Zeitpunkt - es ist 20:00 Uhr - bin ich etwa seit 36 Stunden auf den Beinen und falle todmüde in meinen Schlafsack.
Am nächsten Morgen erwache ich um sieben Uhr und habe damit elf Stunden geschlafen. Entsprechend fit fühle ich mich, den anderen geht es genauso. Nur Sabine kämpft noch mit einigen Verdauungsproblemen, die sie am vorherigen Tag arg gequält haben. Das Frühstück muntert uns alle richtig auf, doch gerade als wir die Zelte abbauen fängt es wieder an zu regnen. Zudem stellen wir fest, dass wir uns auf dem falschen Campingplatz (H46) befinden, etwa 4,5 Kilometer vor dem eigentlich gebuchten (H38). Das bedeutet, dass wir heute - auf dem schwierigsten Teil des Trails - noch zusätzlich die Kilometer vom Vortag wieder gutmachen müssen.
Der folgende Abschnitt verläuft für die ersten 5 km recht gemächlich, wir machen eine erste Pause kurz vor einer weiteren Portage.
Als Snack haben wir für diese Pausen eine Super-Spezial-Nuß-Frucht-Mix zusammengestellt. Man muss nur aufhören können. Die Portage ist übrigens genau dieselbe, die wir bei unserer Silver Peak Besteigung schon mal entlanggelaufen sind. Nachdem Trail und Portage wieder zwei verschieden Richtungen eingeschlagen haben steht ein weiterer Berg zur Erklimmung an. Ein anderer Wanderer, den wir auf der Portage zuvor getroffen haben, gab uns den Tipp, sich öfters mal umzuschauen. Als wir die Anhöhe zwischen David und Boundary Lake bezwungen haben, wissen wir warum.
Der Blick zurück bietet ein unglaubliches Panorama über bunt verfärbte Bäume mit dem Silver Peak im Hintergrund. Wir machen eine kurze Pause, um die Aussicht zu genießen, aber nach nur fünf Minuten wird uns kalt, die Feuchtigkeit steckt überall in unseren Klamotten, man muss immer in Bewegung bleiben, um nicht auszukühlen.
Bevor wir den Berg hinter uns lassen machen wir unsre Mittagspause, es gibt Sandwichs mit Salat und Käse, danach eine handvoll unseres Spezial-Nuß-Mixes als Dessert.
Nur wenige hundert Meter weiter, wir genießen gerade noch mal die Aussicht auf den Boundary Lake, als ein Fuchs auftaucht und neugierig um uns herumpirscht. Nach einigen Minuten wird es ihm zu langweilig und er trollt sich davon, wir dagegen hätten noch den ganzen Tag den Fuchs beobachten können.
Der Trail führt uns weiter durch Nadelwälder, entlang steiler Abhänge bis sich die Baumkronen lichten und den Blick auf den mit Nebel verhangenen Little Mountain Lake freigeben.
Eine weitere steile Passage hinunter zum See steht uns bevor und als wir endlich dort ankommen müssen wir erkennen, dass es auf den anderen Seite wieder - diesmal richtig steil - hinaufgeht. Der Aufstieg ist beschwerlich, viele rutschige Felsplatten sind zu bewältigen, doch der Blick zurück entlohnt für die Mühe.
Kurz vor unserem angepeilten Lagerplatz dann noch einmal dasselbe Schauspiel: steil hinunter, bis die Knie schmerzen, auf der anderen Seite wieder hinauf. Doch dann ist es geschafft. Um 18:30 Uhr erreichen wir H22, einen Platz hoch über einem kleinen See ohne Namen. Es wird bereits dunkel, als wir die Zelte erreichten und nach Feuerholz suchen. Wir finden eine windgeschützte Stelle, um das Feuer zu entfachen und wieder einmal müssen wir unsere Sachen zum Trocknen ans Feuer stellen. In den nassen Schuhen haben sich in den letzten beiden Tagen längst Blasen gelaufen, aber eine gemütliche Runde am Feuer lässt alle Unannehmlichkeiten vergessen. Als wir anfangen zu kochen ist es bereits dunkel und wir müssen den Reis unter Taschenlampenlicht aus Sabine Rucksack löffeln, wo die Verpackung sich im Regen aufgelöst hat. Jetzt muss er nicht einmal die 5 Minuten kochen, die angegeben sind, man muss nur die positiven Aspekte zu schätzen wissen. Nach einer Portion Kräuterreis mexikanischer Art und einer heißen Schokolade (ja, mal wieder ;-)) fühlen wir uns richtig wohl und auch der Regenschauer, der uns während des Essens ereilt vermag uns nicht wirklich zu stören. Im Gegenteil - wir sind froh, irgendwo in der Wildnis zu sein, in einer Gegend, in der man vielleicht jemanden trifft, vielleicht aber auch drei Tage niemanden zu Gesicht bekommt. Wir gehen alsbald schlafen und verabreden für den nächsten Tag, sehr früh aufzustehen, um die restlichen 40 Kilometer im Tageslicht wandern zu können.
Um sieben Uhr stehen wir auf, um nach einem kurzen Frühstück die Zelte abzubauen und schleunigst aufzubrechen.
Nachdem wir von der Anhöhe durch eine kleine Schlucht wieder auf Höhe der Seen gelangen folgt der steilste Anstieg der gesamten Tour, eine wahre Kraxelei.
Von oben hat man einen atemberaubenden Blick auf den Threenarrows Lake, dessen Konturen wir die nächsten Stunden folgen werden. Nachdem wir wieder allmählich auf Höhe der Seen zurückgekehrt sind haben wir den bergigsten Teil der Tour geschafft. Was jetzt noch vor uns liegt sind 35 Kilometer relativ flache, aber schöne Wanderei. Der Trail führt uns wieder durch Mischwälder, herrlicher Verfärbungen überall um uns herum.
Regelrechte Korridore einzelner Farben hüllen uns zeitweise ein. Und plötzlich - ganz unverhofft - kommt die Sonne zum Vorschein und taucht den sowieso schon gelben Wald in ein goldenes Licht.
Ab und zu führt uns der Trail nahe genug an den Threenarrows Lake und jedes Mal zeigt sich ein immer wieder anderes herrliches Bild. Wir machen Pause und ruhen uns einige Minuten in der Sonne aus.
Auf dem weiteren Weg begegnet uns eine kleine Schlange, trotz der Sonne ist es wohl zu kalt für das wechselwarme Tier, es kann kaum flüchten.
Am südlichsten Zipfel des Threenarrows Lake mündet dieser in den Kirk Creek.
An dieser Stelle ist eine Gedenktafel errichtet, die klarmacht, dass der Killarney Park in den 1920er eigentlich für Jäger und Angler angelegt wurde. Eine Holzbrücke überspannt den Creek, genauso gut hätte man aber auch über den alten Baumstamm im Wasser balancieren können ;-)
Es folgt was als die steilste Portage des Parks beschrieben wird und tatsächlich, hier möchte man sein Kanu nicht entlang schleppen müssen. Unser Gepäck ist hier schon nur recht mühsam zu transportieren, aber zu ein Kanu die 1,3 Kilometer lange Strecke zu tragen wäre keine Spaß. Schließlich erreichen wir den Punkt, an dem wir zwei Wochen zuvor kehrtgemacht haben. Eine gute Motivation, das Ziel deutlich vor Augen, beschließen wir, den restlichen Nußmix zu vernaschen und uns dann zum Endspurt aufzuraffen.
Doch an viele Punkte der Strecke kann ich mich nicht mehr erinnern, den anderen geht es genauso. Und so zieht sich der restliche Weg enorm bis wir dann die Lichtung passieren, die uns vor zwei Wochen so gut gefallen hat.
Und auch der letzte Kilometer zieht sich wie Kaugummi. Als dann die kleine Holzbrücke am Chikanishing River überqueren, die uns direkt auf den George Lake Campground führt, fangen wir an zu jubeln. Wir haben es tatsächlich geschafft und sind sogar im Tageslicht angekommen.
Dafür kann kaum einer noch normal gehen, die Blasen sind mittlerweile geplatzt und schmerzen bei jedem Schritt. Aber das kann unsere Euphorie nicht ankratzen, erst recht nicht, nachdem wir wieder im Auto sitzen und gen Sudbury düsen. Der Hunger überkommt uns und wir beschließen, es uns bei Pizza-Hut gut gehen zu lassen. Für die anderen Gäste müssen wir ein sonderbares Bild bieten: Alle vier schleichen wie auf rohen Eiern in das Restaurant, dreckig und speckig nach drei Tagen Outdoor-Erlebnis, erschöpft und doch aufgekratzt. Die zwei Riesenpizzen verdrücken wir mit Leichtigkeit, ganz zu schweigen von den Beilagen, die wir bestellt haben.
Irgendwann haben wir genug und fahren zu Robs Apartment, wo wir erstmal eine erfrischende Dusche und ein kühles Bier (gleichzeitig) nehmen. Nachdem die Füße für die Nachwelt abgelichtet sind können wir endlich ein wenig ausspannen. Sabine und ich verabreden, erst einige Stunden zu schlafen, bevor wir uns auf den Rückweg nach Waterloo machen, ein zweites Bierchen hilft beim Einschlafen. Um 4:00 Uhr brechen wir dann auf. Vroni ist schon zuvor nach Hause gefahren und von Rob haben wir uns vor dem Nickerchen verabschiedet und so schleichen wir uns aus dem Haus. Nach dem Tanken und einem Drive-thru' bei Tim Horton's geht es gut voran und so erreichen wir Waterloo um 9:00 Uhr am Morgen. Zu spät zum Schlafen genießen wir noch eine Portion Cream of Wheat (Grießbrei) mit Apfelmus, dann tauchen wir in den normalen und irgendwie ernüchternden Uni-Alltag ein, der uns in den nächsten Tagen auf Trab halten wird. Aber das nächste Wochenende kommt seehhrr bald........
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