Donnerstag

Es ist Donnerstag Abend, kurz vor sechs und wir sind drauf und dran in den hohen Norden zu entschwinden. Der Plan ist, Peter, Sylvia, Sabine und mich in den Van zu packen und am Flughafen in Toronto noch Tim und Simon abzuholen. Aber es kommt anders als wir es uns vorgestellt haben. Völlig anders...

Der Van hatte die letzte Woche immer wieder Probleme mit dem Kühlwasser, es war meist einfach keines mehr da. Ein Leck im Schlauch denke ich, der Kühler an sich ist dicht. Dennoch - wenn wir auf eine 1000 km - Tour gehen, möchte ich die Sache repariert haben. Und damit geht es so richtig los. Es hat gerade angefangen zu regnen und so muss ich mich in die Pfütze aus Regenwasser und Kühlflüssigkeit unter den Wagen legen. Zunächst kann ich nichts erkennen, aber als ich die Maschine anlasse, offenbart sich mir das Unheil. Die Wasserpumpe gibt mahlende Geräusche ausgeschlagener Lager von sich und zur Bestätigung fließt das Kühlwasser aus dem Motorblock wie aus einem Wasserhahn. Nun ist guter Rat teuer: Was tun - Fahrt abblasen, verschieben oder Wagen selbst reparieren ? Ich will zumindest nichts unversucht lassen und entschließe mich für die letzte Variante. In letzter Minute erreiche ich Canadian Tire, der ein ausgewähltes Sortiment an Ersatzteilen führt. Leider etwas zu viele, die Angestellten verkaufen mir dann nämlich die falsche Pumpe. Wenn man mal darauf verlässt, dann ist man verlassen....

Sabine ist mittlerweile mit Peter schon zum Flughafen nach Toronto gedüst, Simon soll dort um 21:30 Uhr ankommen und Tim will dann auch dort sein. Um etwa diese Zeit ruft Sabine bei mir an, um mir mitzuteilen, dass Simons Flug gestrichen worden ist und dass noch nicht feststeht, mit welcher Maschine er wann ankommen wird. Zumindest Tim trifft dort wie verabredet ein, zu dritt wollen sie eine Stunde warten, da dann entschieden sein soll, welche der 25 Passagiere auf die noch 10 freien Plätze in der Nachfolgemaschine verteilt werden.

Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen und angefangen wie aus Eimern zu schütten. Eine Stunde versuche ich zumindest an die Wasserpumpe heranzukommen, um dann meinen Fehlkauf zu entdecken. Ein wenig sauer gebe ich auf und beschließe, den Wagen am nächsten Tag in einer Werkstatt reparieren zu lassen. Aber das bedeutet, dass die zwei Kanus, die wir bereits auf dem Dach montiert haben, wieder herunter müssen. Simon kommt dann doch noch mit der Abendmaschine an und wird von Sabine, Peter und Tim aufgelesen, die die letzten Stunden um den Flughafen gekreist sind. Immense Parkplatzgebühren lassen zwei Stunden Herumgekurve durchaus günstiger erscheinen.

Freitag

Am nächsten Morgen bringe ich als allererstes den Wagen in die Werkstatt. Mir soll tatsächlich prompt geholfen werden, allerdings wird die Arbeit etwa fünf Stunden dauern und mit $ 550 kräftig zu Buche schlagen. Das gibt mir zumindest recht, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Zur Reparatur muss der halbe Motor demontiert werden, eine nicht ganz unheikle Angelegenheit, zumal ich weder das Werkzeug, noch die Zeit noch die LUST besitze. Für die Rückfahrt zu den Columbia Lake Townhouses habe ich immerhin daran gedacht, mein Fahrrad in den Kofferraum zu packen und Regenkleidung mitzunehmen. Dennoch - nach wenigen Metern sind zumindest meine Schuhe hoffnungslos abgesoffen und der Platte im Reifen nur wenig später lässt meine Stimmung nicht gerade steigen.

Zur Abwechslung entspannend ist dann erstmal das Frühstück mit Simon und Sabine, Müslibuns, Butter, Marmelade und Nutella!

Am Abend bekomme ich dann endlich den befreienden Anruf, dass der Wagen fertig sei. Nachdem ich zur Werkstatt getrampt bin und den Van schließlich vor der Tür stehen habe, hört auch der Regen auf. Dafür bläst ein enorm starker Wind, der das Aufladen der Kanus nicht gerader leichter macht. Wie auch immer, am Freitag um 17:30 Uhr sind wir endlich startklar.

Nach fünf Stunden Autofahrt und weiteren 5 Kilometern Schotterpiste erreichen wir schließlich den Parkplatz am Johnnie Lake Access Point, auf dem eine Gruppe des Outers Club ein Kanu für uns zurückgelassen hat. Im hellen Mondschein und in eisiger Kälte bauen wir die Zelte auf und gönnen uns erstmal ein Bierchen.

Nach einer Runde Hacki-Sack zum Aufwärmen legen wir uns schlafen. Die Nacht ist mal wieder zu schön - sternenklar und mondbeschienen - , um im Zelt zu schlafen und so entscheide ich mich für den Biwaksack.

Samstag

Der Samstag Morgen empfängt uns eisig, aber mit Sonnenschein. Hungrig bereiten wir Oatmeal mit Äpfeln und Bananen zu. Die heiße Schokolade darf natürlich nicht fehlen.

Wir brechen das Lager ab und beladen rasch die Kanus, das schöne Wetter spornt uns an, möglichst bald aufs Wasser zu kommen. Von dem Staudamm, der den Johnnie Lake vom West Mahzenazing trennt, starten wir und paddeln südwestwärts.

Dieser Bereich gehört zu Carlyle Lake, dessen erste hundert Meter mehr an eine Schilflandschaft als an einen See erinnern.

Wir bahnen uns den Weg durch das Sumpfgras, vorbei an Biberbehausungen und entlang steiler Felsen.

Nachdem wir diese Passage hinter uns gelassen haben, weitet sich der See. Das für den Killarney Provincial Park so typische Landschaftsbild - große Felsbrocken aus weißem Quarz, der mit Bändern aus rosafarbenem Granit durchzogen ist, Nadelbäume, die die Ufer säumen, und das tief blaugrüne Wasser der Seen - setzt uns abermals in Erstaunen.

Im glitzernden Sonnenschein, der der ohnehin schon faszinierenden Natur einen fast schon unwirklichen Beiklang verleiht, kommen wir gut voran, ohne uns irgendwie zu verausgaben. Nach ca. 5 km halten wir uns nordwärts, um in eine Bucht zu gelangen, die uns über eine kleine Felsstufe Ausblick auf den Terry Lake gewährt.

Nur wenige Paddelschläge weiter gelange wir an die Portage, die Carlyle und Kakakise Lake über einen 940 Meter langen Pfad verbindet. Um uns nicht zu lange mit dem Portagieren aufzuhalten, beschließen wir, alles auf einmal zu schultern. Keine leichte Angelegenheit, zumal man auf einer Paddeltour gerne auch mal das eine oder andere Ausrüstungsstück mitnimmt, das man bei einer Rucksacktour besser zuhause lässt. Und so addieren sich zu den 25 kg Kanu noch mal etwa dasselbe an Ausrüstung.

Nach zwei, drei Pausen erreichen wir dann auch tatsächlich das andere Ende der Tragestrecke, nur um dort festzustellen, dass nach etwa 200 Meter Paddeln eine weitere Portage über eine Strecke von nicht ganz eineinhalb Kilometern folgt.

Irgendwie schaffen wir es, auch diesen Abschnitt zu meistern. Als wir schließlich alle am Norway Lake angelangt sind, halten wir erst einmal Brotzeit ab. Sabine und ich haben auf dem Farmers Market in St. Jacobs lauter leckere Sachen wie gutes deutsche Brot, Geyzer und anderen schmackhaften Käse und polnische Knackwürstchen gekauft, die wir jetzt genüsslich verschlingen. Ein Nuß-Spezial-Mix dienst uns als Dessert.

Nach einer Stunde müßigem Herumgehänge raffen wir uns wieder auf, um den Norway Lake zu erkunden.

Das erste, das uns auffällt ist die noch deutlich intensivere blaugrüne Farbnuance, die an einen Fjord erinnert und vermutlich dem See den Namen gegeben hat. Auf einer kleinen Insel entdecken wir Zelte und bei näherem Hinsehen können wir feststellen, die andere Gruppe gefunden zu haben - viel früher als vermutet. Die anderen wollten - wir auch wir ursprünglich - am Donnerstag hierher fahren, dann am ersten Tag mit den Kanus zu Killarney Lake vorstechen, einen Tag wandern und am dritten Tag eine Schleife zum Ausgangspunkt zurückpaddeln.

Leider ist niemand im Lager anzutreffen und so legen auch wir erstmal eine Pause ein. Wir müssen mit Derek, dem leitenden Outers Club Mitglied, noch absprechen, ob Sylvia mit ihnen am Sonntag zurückfahren kann, während wir anderen noch den Montag anhängen wollen. Und so paddeln wir ans gegenüberliegende Ufer, um von dort aus einen der beeindruckenden Quarzbrocken zu besteigen.

Die Aussicht, die sich uns nach einer steilen Kraxelei von der Spitze des Felsens bietet, ist atemberaubend.

Die Farbe des Wassers kommt hier besonders gut zur Geltung und wir bereits sind hoch genug, um über die umgebenden Erhebungen hinweg die Seenlandschaft des Killarney Parks bestaunen zu können. Bei sehr guter Sicht, kann man von hier aus sogar die Georgian Bay ausmachen, es könnte demzufolge auch der Streif am Horizont sein.... ;-)

Als wir wieder zu den Kanus zurückkehren können wir bereits erkennen, dass die anderen immer noch nicht von ihrer Wandertour zurückgekehrt sind. Wir treffen sie schließlich auf der folgenden Portage, die uns zum Killarney Lake bringen soll. Wir bekommen zu hören, dass sie nicht mehr vorhaben, den Rundweg zu vollenden und verabreden uns für Sonntag 17:00 Uhr an den Autos am Startpunkt.

Wir lassen uns nicht von den Erzählungen der anderen Gruppe abschrecken, die die Passage bereits hinter sich hat und setzen unsere Tour im Schein der untergehenden Sonne fort. Dazu verlassen wir die Portage nach wenigen Metern wieder, um unsere Kanus in einer weitern Schilflandschaft in ein winziges Bächlein zu setzen. Um trockenen Fußes (zumindest für einige von uns, nicht wahr, Peter?) dorthin zu gelangen benutzen wir die Kanus als Brücken, immer Gepäck und Mannschaft über die Boote dirigierend.

Nach einiger Anstrengung und im schwindenden Licht schaffen wir es endlich, einen befahrbaren Teil des Baches zu erreichen. Dabei müssen wir immer wieder wie die Gondolieros in Venedig die Kanus voranstaken, ein Bild, das uns die Tränen in die Augen treibt ;-)

Irgendwann kommen wir dann wieder deutlich besser voran, aber immer noch dem sich kreuz und quer windenden Verlauf des Baches folgend. Als wir fast das Ende des sumpfigen Verbindungsstücks zwischen Norway und Killarney Lake erreicht haben schauen wir uns noch mal um. In diesem Moment taucht über dem Tal gerade der Mond auf. Groß und in der Atmosphäre gelblich-rot verfärbt aufgehend, wird er uns an diesem Abend mit seinem hellen Schein begleiten, uns es möglich machen, noch ein gutes Stück voranzukommen.

Diese wenigen Stunden dieser Fahrt, in denen wir mal angeregt Gespräche führen, mal fast schon ehrfürchtig verstummen, machen sie zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Spät in der Nacht erreichen wir unseren anvisierten Lagerplatz (Nr. 21 auf dem Killarney Lake). Schnell sind die Zelte aufgebaut und ein Feuer gemacht. Der strenge Wind, der uns die letzten Meter hierher noch einmal schwer machen wollte, treibt uns dazu, einen Windschutz aufzuspannen, nicht zuletzt, damit das Feuer nicht zu rasch niederbrennt. Nach einiger Zeit kocht dann auch endlich das Wasser, mit dem wir uns - nun schon ausgehungert und müde - Nudeln bereiten. Dazu gibt es eine Gemüse-Tomatensoße. Und was wäre unser Mahl ohne einen schönen Wein und die selbst gemachten Brownies von Sabine. So brauchen wir einige Zeit, um unser Gelage zu beenden. wohl gesättigt und zufrieden sitzen wir noch am Feuer und halten uns mit heißer Schokolade warm. Wir sind alle reichlich fertig und so verzieht sich jeder in sein Zelt, bzw., seinen Biwaksack ;-)

Sonntag

Wir stehen eigentlich recht früh auf, aber das Feuer, das wir wieder entfachen, lädt ein, etwas länger zu verweilen. Wir brechen schließlich um 10:30 Uhr auf und erreichen eine halbe Stunde später die nächste Portage. Wieder etwa 1,5 km lang bringt uns diese Portage zum südwestlichen Ende des Kakakise Lakes zurück. Diesmal nehmen wir uns die Zeit, zweimal zu gehen, zumal einige recht steile Stücke zu bezwingen sind. Der Weg über den Kakakise Lake ist geprägt von einem kräftigen Gegenwind, der uns eisig ins Gesicht schlägt. Nach einer Stunde erreichen wir die erste (940 m lange) Portage unserer Tour, die uns wieder zurück zum Carlyle Lake führt. Am Ende der Portage halten wir unsere Brotzeit, in der wir unsere letzten Leckereien vom Farmers Market verspachteln, gekrönt von einer großen Portion Chocolate Chip Cookies. Plötzlich taucht auch die andere Gruppe auf und gesellt sich zu uns.

Wir quatschen eine Weile, dann brechen wir gemeinsam auf. Der restliche Weg ist derselbe, den wir am Samstag gekommen sind, diesmal unter einem mit Wolken verhangenen Himmel, der unsere Stimmung aber keineswegs trübt.

Kurz bevor wir den Damm und die Autos erreichen können wir (oder zumindest einige von uns) einige Bieber beobachten, die hinter uns den See kreuzen.

Um 16:30 Uhr erreichen wir den Parkplatz wieder und entschließen uns, doch gleich nach Waterloo zurückzufahren. Wir sind alle reichlich erschöpft, jetzt merken wir, wie anstrengend die Portagen wirklich waren. Für den Rückweg können wir Derek unsere Kanus mitgeben uns so düsen wir wenig später gen Heimat los. Unser ursprünglicher Plan, auf dem Weg in einem anderen Park anzuhalten und zu kochen, wird vereitelt, als wir an einem Pizza-Hut vorbeikommen. Wir können nicht widerstehen und bestellen für uns vier Jungs eine große und eine mittlere Pizza. Welch Pech, die großen Pizzen sind ausgegangen und so bekommen wir insgesamt drei mittlere Pizzen, die wir ohne große Probleme vernichten (sogar ich bin richtig satt geworden ;-)).

Spät in der Nacht erreichen wir Waterloo, vom restlichen Wein gewärmt und zufrieden.

 

Tim   Simon   Sylvia

Sabine   Peter

 

 

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