Sonntag, 22. April 2001

Früh am Morgen stehen Sabine, Vroni - die am Tag zuvor aus Sudbury heruntergekommen ist - und ich auf und nach einem kurzen Frühstück schnappen wir unsere Rucksäcke und machen uns mit dem neuen Van auf den Weg. Wir holen noch Craig, Stacey und Peter zuhause ab, dann geht's durch Elmira auf dem Highway 6 gen Norden. Die Bruce Peninsula (peninsula = Halbinsel) ist diesmal unser Ziel, eine 3-Tageswanderung steht auf dem Programm. Sabine, Vroni, Peter und ich wollen eine 45km-Tour machen, während es Craig und Stacey etwas ruhiger angehen lassen. Wenn wir schon nicht zusammen wandern können so wollen wir es doch so einrichten, dass wir uns unterwegs treffen und damit können zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wir setzen Craig und Stacey wenig nördlich von Cape Chin ab und fahren selbst wir gen Süden, wo wir in Barrow Bay - südlich von Lions Head - den Van parken. Der Plan ist, dass Craig und Stacey am Endpunkt ihrer Tour den Van finden und den Rest von uns in Dyers Bay abholen. Als Treffpunkt soll uns das Rocky Racoon Café dienen, das wir schon mal bei unserer ersten Tour zur Bruce Peninsula gesehen haben.

Wir setzen Craig und Stacey gegen 12 Uhr ab und sind selbst gegen 13 Uhr an unserem Startpunkt. Der erste Tag ist recht gemütlich geplant, nur ca. 9 km sind zu bewältigen. In strahlendem Sonnenschein (entgegen der Wettervorhersage, die uns Regen bescheren wollte) wandern wir von Barrow Bay los Richtung Osten auf den Lions Head.

Der Trail führt uns durch dichte Nadelwälder und über zerklüftete Felsen entlang einer sagenhaften Steilküste, die auch bei Kletterern einen Namen hat. Unter uns zieht sich ein weißer Felsstrand entlang der Küste, der das Wasser in einem tropischen türkis erscheinen lässt. Die Aussicht erinnert tatsächlich an einen Strand in den Tropen, mal von den Felsen und den Nadelbäumen abgesehen.

Nach nur wenigen Stunden gelangen wir an den Platz, der uns für die folgende Nacht beherbergen soll. In einem Nadelwaldidyll direkt am Strand gelegen bietet er uns einige Feuerstellen und eine Aussicht auf die Georgian Bay.

Nachdem wir unseren Durst gestillt und den Strand erkundet haben machen wir uns auf die Socken, das Zelt aufzubauen und Feuerholz zu besorgen. Einige tote Bäume liefern uns ideales Brennmaterial. Bine übt schon mal das fachgerechte Vorbereiten eines guten Lagerfeuers und so sitzen wir wenig später um die Flammen und genießen eine heiße Schokolade. Das Abendessen - Reis mit Gemüse - ist schnell zubereitet und gesättigt bleiben wir noch längere Zeit draußen und erzählen Geschichten. Schließlich - es ist erst 22 Uhr - legen wir uns in die Schlafsäcke und schlafen den Schlaf der Gerechten.

Montag, 23. April 2001

Wir schaffen es, gegen 8 Uhr aufzustehen und wenig später sitzen wir am wieder entfachten Feuer und futtern Oatmeal mit frischen Obst. Das Wetter hat sich wenig geändert, es ist immer noch traumhaft schön und verspricht uns einen warmen Tag.

Tatsächlich, als wir gegen 9:30 Uhr aufbrechen wird uns bald recht warm. Nach wenigen Metern entledigen wir uns unsere Fleece-Pullis und zippen die Hosenbeine ab.

Unglaublich aber wahr, einige Schneeflecken haben sich auf der Nordseite von Lions Head hartnäckig gehalten und bieten ein kurioses Bild. Es ist schon verrückt, noch vor weniger als einem Monat haben wir uns im Killarney Provincial Park noch durch meterhohen Schnee geschaufelt und jetzt sind wir bereits froh, mal für einige Zeit im Schatten zu laufen.

Nach ca. 2,5h gelangen wir in den Ort Lions Head, etwa 6,5 km von unserem Nachtlager entfernt. Wir können nicht anders und kaufen erstmal haufenweise Schokolade und Kekse ein, dann gibt's noch ein Eis obendrauf. Am Strand legen wir unsere Mittagsrast ein und verspachteln leckere Knackwürstchen mit Käse und Müslibrötchen. Die erste Tafel Schokolade überlebt die Pause nicht und auch einige Cookies müssen schon dran glauben ;-))

Nach einer Stunde machen wir uns wieder auf den Weg, noch etwa 10km sind heute zu bewältigen. Kurz hinter Lions Head verlassen wir wieder die Straße, auf der wir den Ort durchquert haben, und laufen auf riesigen Felsplatten am Wasser entlang. Das Wasser - obgleich es uns einen einladend frischen Eindruck - macht ist in Wirklichkeit richtig kalt, so kalt, dass einem die Waden nach 5 Sekunden schmerzen (die Erfahrung habe ich jedenfalls schon am Morgen gehabt, als ich mich im See gewaschen habe ;-)).

Kurze Zeit später treffen wir Craig und Stacey, die sich am Strand in die Sonne gelegt haben. Wir machen gemeinsam Mittagspause (ja, die, die aufgepasst haben werden jetzt sagen: Hey, das ist doch schon die zweite. Richtig, na und?)). Weitere zwei Stunden vergehen mit Quatschen und Faul-in-der-Sonne-herumliegen. Schließlich brechen wir wieder auf und trennen uns von Craig und Stacey, die ihren Weg in südlicher Richtung fortsetzen während wir nordwärts ziehen.

Von nun an wechselt die Landschaft häufig, die Natur zeigt sich von den verschiedensten Seiten. Waren wir eben noch auf einer Schotterpiste so entschwinden wir der Zivilisation wieder und tauchen jetzt in einen dichten Nadelwald ein. Wenig später weicht dieser einer saftigen Wiese, die wiederum von einer moorartigen Landschaft abgelöst wird. Nachdem wir eine Stunde gewandert sind kommen wir wieder an die Steilküste. Es ist immer noch heiß, die Sonne brennt, der Wasservorrat neigt sich dem Ende. Der weitere Weg verläuft wieder entlang der Küste. Hier und da treffen wir noch immer auf größere Schneehaufen, die in der Sonne glitzern. Gegen frühen Abend treffen wir nach 16km an unserem nächsten Nachtlagerplatz ein. Eine Feuerstelle auf dem Felsstrand lädt zu einem gemütlichen Abend ein, die Liegestühle aus großen Felsplatten, die andere hier vor uns errichtet haben, sind einfach einmalig komfortabel nach einem Tag mit schwerer Rucksacklast.

Das Errichten des Zeltes und das Sammeln von Feuerholz gehen zügig voran und bald bereiten wir unser Abendessen - Pasta mit Käsesoße - zu. Eigentlich wollen wir nur gemütlich im Schutz der Nadelbäume essen und es uns dann am Lagerfeuer gemütlich machen, aber plötzlich ziehen dunkle Wolken auf. Wir schaffen es gerade noch, unseren Krempel halbwegs regensicher zu verstauen, dann fängt es auch schon an zu regnen. Und so kommt es, dass das bereits aufgebaute Lagerfeuer ausfällt und wir stattdessen schon um 8 Uhr im Zelt liegen. Im Zelt ist es feucht-heiß, kaum Frischluftzufuhr und über uns tobt ein Gewittersturm.

Dienstag, 24. April 2001

Der Morgen empfängt uns recht kühl. In der Nacht ist die Temperatur deutlich gefallen. Zumindest regnet es nicht als wir unser Frühstück verspeisen, Oatmeal mit Früchten natürlich, dazu heiße Schokolade ;-))

Gegen 9 Uhr brechen wir zu unserer letzten Etappe auf, die uns nach Dyers Bay führen wird. Es ist recht frisch und wenig später startet ein feiner Nieselregen, Tendenz noch nässer.

Der Trail verläuft durch weiterhin ständig wechselnden Landschaften, doch heute erscheint uns das nicht mehr so spannend. Im Regen sind alle Aussichten getrübt. Dennoch, wir lassen uns die gute Laune nicht verderben und marschieren voran. Eher wortkarg gehen einige Stunden ins Land, dann steht bei Kilometer 13 unsere Mittagspause an. Wir finden einen kleinen Nadelbaumbestand, in dessen Mitte ein trockenes Plätzchen zum Verweilen einlädt. Wir packen unsere Leckereien aus, die hauptsächlich aus den Resten unseres Abendessens des Vortages besteht. So tunken wir Müslibrötchen in die dicke Käsesoße und mampfen noch einige Knackwürstchen dazu. Mit meiner dünnen Peperoni schaffe ich es, einen gigantischen Käseklumpen - den Hauptgewinn - aus der Soße zu Angeln und zum Entsetzen aller in einem zu verschlingen. Hey, ist doch nur Käse.

Als wir wieder aufbrechen - eine Packung Cookies haben wir noch verspachtelt - fängt es an zu schneien. Das nennt man dann kanadisches Aprilwetter. Verlief der Pfad die letzten Stunden im Landesinneren so stößt er jetzt wieder auf die Küste. Die Felsen sind regennass und glitschig, man muss schon aufpassen, dass man sich nicht mit dem schweren Rucksack auf die Nase legt. Es bleibt weiterhin frisch, wohl auch ein Grund weshalb wir in kurzer Zeit insgesamt drei Schlangen - zwei Gardenerschlangen und einer grasgrünen Baumschlange - begegnen, die sich nicht schnell bewegen können. (Ok, auf die erste muss einer von uns getreten sein und die letzte ist auch schon eher tot als lebendig.)

Gegen 3 Uhr erreichen wir Dyers Bay, wo uns ein geschlossenes Café empfängt. Wir lassen uns am Felsstrand nieder und - alle haben Heißhunger auf etwas süßes - bereiten unsere letzte heiße Schokolade zu. Schließlich wird es uns im auffrischenden Wind zu kühl und so klopft Bine einfach mal bei Café an. Und tatsächlich, Robin, der stolze nepalesische Besitzer, winkt uns herein und erklärt, dass das Café nur geschlossen war, weil am Tag zuvor eine Party in den Räumlichkeiten stieg und noch nicht aufgeräumt ist. Wir bestellen Tee und während wir uns am künstlichen aber dennoch gemütlichen Kaminfeuer aufwärmen erzählt uns Robin die Geschichte seines kanadischen Traums. Er hat als Ober in einem nepalesischen 5-Sterne-Restaurant angefangen und nachdem er in Holland seine Frau in einem Coffee-Shop kennen gelernt hat ist er mit ihr nach Kanada ausgewandert und hat als Tellerwäscher in eben diesem Café angefangen. Seit wenigen Stunden ist er Besitzer des Cafés und seine ohnehin schon ausgezeichnete Laune wird durch einen Anruf noch mehr aufgeheitert, der ihm die Nachricht bringt, dass sein Café im nächsten Jahrbuch der Bruce Trail Association erscheinen wird. Er ist überglücklich und zeigt uns das auch, indem er uns mit Keksen und einer kostenlosen Kostprobe seiner Kochkunst versorgt. Wie auch immer, das Café ist ein gemütlicher Platz und idealer Treffpunkt für Wanderungen auf dem Bruce Trail und deshalb gibt's hier auch seine Visitenkarte....

Gegen 5 Uhr treffen dann auch Craig und Stacey ein, die ebenfalls noch einen Tee trinken ehe wir dann aufbrechen und gen Waterloo düsen. Auf dem Heimweg halten wir dann noch bei Harvey's, wo saftige Burger unseren Hunger stillen und ein gigantischer Milchshake unseren Zuckerhaushalt wieder in Schwung bringt. Gegen 22 Uhr treffen wir schließlich wieder in Waterloo ein. Wir sind alle froh, der Wettervorhersage mal wieder getrotzt zu haben und einige wundervolle Tage in der Natur verbracht zu haben.

 

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