Freitag, 9. Februar 2001
Um 6 Uhr früh reißt mich der Radiowecker aus dem kurzen Schlaf. Bis 3 Uhr haben Sabine und ich noch die letzten Kleinigkeiten zusammengesucht und Wäsche gewaschen (gell ?). Am Abend zuvor habe ich meinen Rucksack gepackt, den jetzt drei Paar Schneeschuhe zieren.
Fünf Minuten später klingelt mein Telefon. Sabine hat einen Blick aus dem Fenster geworfen und will jetzt mit mir absprechen, wie wir unsere Wochenendtour angehen. Es regnet Bindfäden, ein Regen, der sich als Eisschicht auf Büsche und Bäume niederschlägt. Die Schneeflächen um die CLTs sehen aus, als hätte jemand sie mit Haarspray eingesprüht.
Rob, Vroni, Bine und ich sind eingeladen worden, das Wochenende in einer Hütte an der Wolseley Bay, einem Seitenarm des French Rivers bei Freunden von Rob zu verbringen. Bine war während der letzten Tage noch unentschlossen mitzukommen, da sie am Samstag eigentlich einen Midterm schreiben müsste. Nachdem ihr dann aber nicht zugesichert werden konnte, dass sie für diesen Kurs in Deutschland tatsächlich eine Anerkennung bekommen kann und ihr der Prof stattdessen eingeräumt hat, einen 100 % Abschlusstest zu schreiben hat sie sich dann gestern doch noch entschlossen, mitzufahren.
Für mich allein wäre eine Fahrt mit einem der beiden Autos zu teuer gewesen und so habe ich mir vorgenommen, zu trampen. Sabine ist von dieser Idee ebenfalls begeistert, aber wir wollen es doch vom Wetter abhängig machen. Nun regnet es immer noch, ein richtiges Sauwetter herrscht draußen. Dennoch - Sabine Überlegungen, vielleicht doch den Wagen zu nehmen, überhöre ich einfach, schließlich haben wir uns ein wenig fürs Trampen vorbereitet. Christoph hat sich netterweise bereit erklärt, uns um 6:30 Uhr zum Highway 401 zu fahren. Mit etwas Verspätung stehen wir um kurz nach 7 an der Auffahrt Richtung Toronto. Es ist reichlich diesig, auch wenn der Regen mittlerweile aufgehört hat. Wir müssen keine 10 Minuten warten bis ein Geländewagen hält. Der Fahrer - vielleicht Mitte 30 - verspricht uns bis zum Flughafen mitzunehmen. Prima, der erste Teil der Tour wäre schob mal ein schneller. Zumindest bis kurz vor Toronto wo etwa 20 km zäh fließender Verkehr das Vorankommen verlangsamen. Ich klöne ein wenig mit dem Fahrer während Sabine auf dem Beifahrersitz schläft. Er hat Biologie studiert, konstruiert jetzt aber Tragflächen für Flugzeuge. Er lädt uns an einer Auffahrt zur Hurontario Street ab. Von hier bis zum Abzweig gen Norden sind es nur wenige Kilometer, aber wir wünschen uns ein Schild mit der Aufschrift "Highway 400", um diejenigen im morgendlichen Berufsverkehr anzusprechen, die ebenfalls nach Norden wollen. Wie auch immer, nach 30 Minuten - Sabine ist schon am verzweifeln - hält ein Quebecois auf dem Weg nach Montreal. Sabine nimmt mit ihrem Rucksack auf der Rückbank platz während ich mich mit meinem Rucksack gerade so auf den Beifahrersitz quetschen kann. Erst als wir zur Abfahrt auf die 400 kommen scheint unser Fahrer zu merken, dass er uns nicht einfach auf dem Highway rausschmeißen kann. Etwas widerwillig tut er uns den Gefallen, uns an der nächsten Auffahrt auf der 400 abzusetzen.
Hier stehen wir einige Zeit, ohne dass jemand anhält. Irgendwann stoppt eine Frau und gibt uns den Tipp, es an der anderen Auffahrt (in die gleiche Richtung) zu versuchen, da auf der Auffahrt, auf der wir uns gerade befinden, nur Kurzstreckenfahrer aus der Stadt entlang kämen.
Aber auch an der anderen Auffahrt dauert es 30 Minuten bis endlich jemand anhält. Es hat gerade angefangen zu regnen, als wir von zwei netten Kerlen mit genommen werden, die Mitleid mit uns haben. Wie auch immer, wir werden bis zum Highway 9 mitgenommen, etwa 30 km nordwärts.
Hier stand ich auch das letzte mal auf dem Weg nach Sudbury, diesmal ist aber nicht nur eisig kalt, weil windig, sondern wir sind auch noch triefend nass. Länger als eine halbe Stunde stehen wir im strömenden Regen der uns ins Gesicht gepeitscht wird. Dann hält ein Mann, der uns bis Cookstown, etwa 20 km weiter, bringt, wo wir uns erst einmal im nahen McDonalds aufwärmen. Wir versuchen jemanden zu finden, der weiter nordwärts fährt und Bine sitzt schon in einem Wagen, der allerdings hinter Barrie auf den falschen Highway fährt. Zum Glück bemerken wir das noch rechtzeitig. Nachdem wir vergeblich Leute angesprochen haben stellen wir uns wieder direkt an die Auffahrt. Diesmal haben wir richtig Glück. Der Mann der anhält lädt einige Sachen in den Kofferraum und macht uns Platz. Er nimmt uns bis zum Abzweig des Highway 64 mit, etwa 250 km. Zum Abschied versorgt er uns noch mit einem Laib Brot und den besten Wünschen.
Von hier werden wir nur 5 Minuten später von einem Mann mitgenommen, der auf dem Weg nach Hause ist. Er erzählt uns, dass er jeden Tag nach Sudbury pendelt (ca. 100 km), er aber keinesfalls dort wohnen möchte, sondern das Haus auf dem Land bevorzugt. Eigentlich müsste er nach 20 km abbiegen, aber er meint mit einem Augenzwinkern, dass seine Frau ihn sowieso nicht so früh erwarten würde. So fährt er uns bis ca. 1 km vor unser Ziel, macht einen 50 km Umweg für uns, der ihn über schneebedeckte Schotterstraßen und dick vereiste Pisten führt. Aber es scheint ihm Spaß zu machen und uns hilft es ungemein.
Den verbleibenden Kilometer laufen wir wie auf rohen Eiern auf der eisbedeckten Straße bis wir an die Wolseley Bay gelangen. Aber von Rob, Vroni und den anderen aus Sudbury ist weit und breit keine Spur zu entdecken. Nach einer Stunde Warten kommen schließlich zwei Jeeps. Wir lernen Al, Jackie, Ronda und Dave kennen, dann laden wir zwei Schneemobile von Al's Anhänger. Das Gepäck soll mit den Ski-Doos zur Hütte gebracht werden und so laufen Rob, Vroni, Bine und ich mit unseren Schneeschuhen los. Nach wenigen Meter auf dem See wird uns klar, dass der Weg zur Hütte länger und deutlich feuchter werden könnte als auf den ersten Blick erkennbar. Auf der (sicheren) Eisdecke liegen etwa 50 cm Schnee, wovon die untersten 40 cm wassergetränkt sind. Selbst ohne Gepäck auf den Schultern sinken wir ab und zu tief ein, nur Regenhose und Gamaschen verhindern, dass meine Wanderschuhe vollaufen.
Als wir an der Hütte ankommen fährt auch Al gerade mit einem der beiden Schneemobile vor. Er meint, dass sie Probleme hätten, das andere Schneemobil sei bereits zum zweiten mal im Schneematsch abgesoffen, das mit dem Gepäck können wir erst später erledigen, wenn der Schnee etwas überfroren ist. Dafür gibt's erst einmal ein Willkommens-Bier und dann machen wir uns daran die Hütte ein wenig einzuheizen.
Nach einer Stunde ist es behaglich warm, ein paar Bier tun ein übriges. Später kommen noch Lee, Nicole und zwei weitere, ebenfalls Freunde von Al. Als wir langsam hungrig werden ziehen Vroni und ich noch mal los, um unser Gepäck und die Lebensmittel aus dem Jeep zu holen. Bis die Oberfläche des Sees wieder soweit gefroren ist, dass man die Schneemobile benutzen kann, wird es noch ein wenig dauern. Um auch gleich Robs und Bines Gepäck mitnehmen zu können benutzen wir den Gepäckschlitten, den wir im Wagen finden. Der Rückweg ist diesmal noch ein wenig beschwerlicher, mit dem Gepäck auf dem Rücken und dem Schlitten im Schlepptau bin ich froh um die Krallen, die mich auf der vereisten Straße vorankommen lassen. Auf dem See sinke ich dafür bei fast jedem Schritt bis zu den Knien ein. Vroni geht's da ein wenig besser, die klassischen Schneeschuhe sind bei diesen Konditionen im Vorteil, dafür war es für sie weniger angenehm auf der glatten Schotterpiste.
Als wir zurückkommen kochen wir ein leckeres Mahl und quatschen dann noch bis tief in die Nacht während wir die Biervoräte minimieren ;-)) Schließlich beziehen wir unser Lager in der eisigen Nachbarshütte, das Feuer im Ofen vermag das Häuschen nicht lange aufzuwärmen.
Samstag, 10. Februar 2001
Der nächste Morgen begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein. Jetzt können wir sehen, wie herrlich es hier tatsächlich ist.
Nach einem leckeren Oatmeal-Frühstück und nachdem Al das restliche Gepäck geholt hat geht's erstmal auf Testfahrt mit den Schneemobilen. Lee hat ebenfalls zwei mitgebracht, so dass wir auch mal zusammen eine Tour machen können.
Der Vormittag geht schnell vorbei, wir düsen mit den den Ski-Doos ein wenig umher und besorgen einen Schlitten, der uns fürs Holzholen später dienen soll.
Am Nachmittag brechen wir dann für eine kleine Schneeschuhtour auf, die uns in eine traumhaft verschneite Landschaft mit Biberdämmen, Seen und sonnendurchfluteten Wäldern führt.
Als wir wieder in er Hütte sind wärmen wir uns erst einmal auf. Am Abend gibt's dann leckere Käsespätzle und heißen Apfelwein. Später ziehen Vroni, Al, Lee, Al's Bruder und ich mit den Schneemobilen los, um in einem Pub am Ende des Sees ein Bier zu trinken. Die Temperaturen sind mittlerweile auf -20°C gefallen und der Fahrtwind sorgt für einen wind chill von weiteren -20°C. Ungünstigerweise beschlägt mein Visier, so dass ich es offen lassen muss, um bei der Geschwindigkeit noch etwas vom Weg zu erkennen. Als wir in der Kneipe ankommen ist meine Nase gefroren, Tage später wird sich die Haut wie bei einem Sonnenbrand schälen. Als wir wieder aufbrechen (diesmal habe ich meine Gesichtsmaske aufgesetzt) nehmen wir einen schmalen Trail, der uns durch dichte Fichtenwälder führt. Es ist eine Riesengaudi, auf dem nur vom Scheinwerfer des Mobils erhellten Trail dahinzudüsen. An einer Stelle hat sich tagsüber der Schneematsch zu Haufen aufgetürmt, die jetzt ungünstigerweise gefroren sind. Einer dieser Haufen katapultiert mich von meinem Schneemobil, mein Hintern dämpft die harte Landung auf dem Eis (was mit einem nette Bluterguss am nächsten Tag belohnt wird ;-)), ansonsten passiert mir wenig. Das Ski-Doo dübelt einen kleinen Baum um und bleibt dann netterweise vor einem deutlich größeren stehen.
Aber ich bin nicht der einzige Chaot, Al schafft es, eine Abzweigung des Trails zu verpassen und dann noch im letzten Moment das Steuer herumzureißen. Nach 5 Metern seitlichem Schlittern bleibt sein 250 kg schweres Mobil an einer Schneeflocke hängen und überschlägt sich dreifach. Al landet im weichen Schnee, das Mobil hat neben einem gebrochenen Windschild nur Kratzer abbekommen. Als wir an den Jeeps vorbeikommen tanken wir mein Schneemobil auf (der Tank fasst 70 Liter die gerade mal für 200 km reichen !). Wieder auf dem See nehmen wir den geräumten Schneemobil-Trail und in einem kleinen Abschlussrennen jagen wir den See hinunter. Die Mobile beschleunigen ungemein (irgendwie muss der Spritverbrauch ja gerechtfertigt werden) und man kann durchaus 160 km/h ereichen, mir reichen 120 km/h in der Nacht aber auch, um ein wenig Spaß zu haben.
Den restlichen Abend verbringen wir noch gemütlich in der warmen Hütte und hauen uns dann später in unsere Schlafsäcke.
Sonntag, 11. Februar 2001
Wir frühstücken gemeinsam und dann machen Bine, Vroni und ich uns auf, um mit Schneeschuhen zu einer nahe gelegenen Insel zu laufen.
Nachdem wir von unsere kleinen Tour zurück sind ist Eisfischen angesagt. Also heißt es Löcher ins Eis bohren, Angeln präparieren und warten. Während wir warten verpflegt uns Rob mit Würstchen vom Grill ;-))
Nach zwei Stunden geben wir auf. Der Vormittag ist schnell vergangen, jetzt müssen wir schon unser Zeug packen und gegen 15 Uhr machen wir uns auf den Rückweg.
Jackie nimmt uns mit bis zum Highway, wo wir gerade kurz vor Sonnenuntergang ankommen. Wir lassen uns an einer Raststätte absetzen, an der auch eine Buslinie hält. Aber wir haben Glück und keine fünf Minuten später werden wir mitgenommen. Unsere Mitfahrgelegenheit nimmt uns mit bis nach Coldwater, von wo aus wir den Bus nach Toronto und von dort aus weiter den Bus nach Waterloo nehmen. Um 1:30 Uhr kommen wir schließlich an der Uni in Waterloo an und laufen den kurzen Weg zu den CLTs.